15.000 Euro Erbschaft, plötzlich auf dem Konto. Daneben läuft ein Autokredit mit einem happigen Effektivzins, und das Depot macht gerade Freude. Kredit weg oder Geld arbeiten lassen? An dieser Frage grübeln Menschen wochenlang. Und selbst wer sich am Ende für einen Mittelweg entscheidet, bleibt oft unsicher, ob das die richtige Wahl war.

Genau das ist der Punkt: Diese Frage hat keine Antwort, die für alle passt. Sie hängt an ein paar Zahlen und an deinem Bauchgefühl. Beides zählt, und beides ist unterschiedlich gewichtet, je nachdem, wer du bist.

Der Kern: ein einfacher Vergleich zweier Zahlen

Wenn du einen Euro in die Tilgung steckst, sparst du dir die Zinsen, die du sonst auf diesen Euro gezahlt hättest. Diese Ersparnis ist deine „Rendite“, und zwar eine sichere. Steckst du denselben Euro ins Depot, hoffst du auf eine höhere Rendite, hast aber ein Risiko dabei.

Der ganze Vergleich läuft also auf zwei Größen hinaus: den effektiven Kreditzins auf der einen Seite und die erwartete Rendite deiner Anlage nach Kosten und Steuern auf der anderen. Der Effektivzins ist die Gesamtbelastung deines Kredits, also inklusive aller Gebühren. Der nackte Sollzins, der reine Zins ohne Nebenkosten, sieht meist freundlicher aus, taugt für diesen Vergleich aber nicht. Auf der Anlageseite zählt entsprechend die Nettorendite, nachdem Depotgebühren und Steuern abgezogen sind.

Das klingt banal, wird aber oft falsch gerechnet. Viele vergleichen den nominalen Kreditzins mit der Bruttorendite ihres Fonds. Das ist, als würdest du den Preis eines Autos ohne Steuern mit dem Preis eines anderen inklusive Steuern vergleichen. Beide Zahlen müssen auf demselben Stand sein: nach allen Abzügen.

Die Faustregel: teure Schulden zuerst

Hast du einen Konsumkredit oder gar einen offenen Dispo, also den Überziehungskredit auf deinem Girokonto, mit einem hohen Effektivzins, ist die Sache meist klar. Ein Investment müsste diesen Zins erst einmal übertreffen, damit sich das Warten lohnt – und zwar zuverlässig, nicht nur in guten Börsenjahren.

Beim Dispo ist das keine graue Theorie. Eine Verivox-Auswertung von über 6.600 Girokonten auf Basis von BaFin-Daten kam im März 2026 auf durchschnittlich 11,28 Prozent Dispozins, in der Spitze auf 15,31 Prozent. Wer seinen Rahmen überzieht, zahlt bei knapp jedem zweiten Konto noch einmal rund vier Prozentpunkte obendrauf. Gegen solche Zinsen hat kein Depot der Welt eine Chance. Die Tilgung liefert dir hier eine garantierte Ersparnis, die eine breit gestreute Aktienanlage über normale Zeiträume kaum sicher schlägt. Entsprechend eindeutig fällt die Empfehlung in Finanzratgebern in der Regel aus: Hochzins-Schulden zuerst weg.

Wie hoch dein eigener Dispozins ist, musst du dabei nicht schätzen. Die BaFin betreibt seit Januar 2025 einen kostenlosen Kontenvergleich, in dem fast 6.900 Kontenmodelle von rund 1.100 Anbietern samt Überziehungszinssatz stehen. Die Aufsicht verfolgt damit kein kommerzielles Interesse, spricht keine Empfehlung aus und zeigt die Ergebnisse werbefrei. Eine Einschränkung benennt sie allerdings selbst: Für die Richtigkeit der Angaben sind die Banken verantwortlich, die BaFin prüft nur stichprobenhaft. Die letzte Instanz bleiben deine eigenen Kontounterlagen.

Wenn der Kredit günstig ist, wird es interessant

Anders sieht es bei niedrig verzinsten Darlehen aus. Liegt die erwartete Anlagerendite nach Steuern und Kosten über dem Kreditzins, kann Investieren finanziell sinnvoller sein als eine Sondertilgung, also eine zusätzliche Rückzahlung außer der Reihe. Der Abstand muss allerdings groß genug sein, um das Risiko zu bezahlen – denn die Kreditersparnis ist sicher, die Rendite nicht.

Und hier lauern zwei Fallen, die die Rechnung kippen können.

Erstens: Sondertilgung ist nicht immer frei möglich. Ob und wie viel du außerplanmäßig zurückzahlen darfst, steht in deinem Kreditvertrag. Bevor du Geld umschichtest, lohnt ein Blick in die Konditionen.

Zweitens: die Vorfälligkeitsentschädigung. Zahlst du einen Kredit vorzeitig zurück, kann der Kreditgeber je nach Vertragsart eine Entschädigung verlangen. Das ist quasi eine Gebühr dafür, dass die Bank auf künftige Zinsen verzichtet. Diese Kosten fressen einen Teil deiner Ersparnis auf, deshalb rechne die Netto-Ersparnis vorher aus und nicht erst hinterher.

Der Notgroschen kommt vor allem anderen

Bevor du überhaupt zwischen Tilgen und Investieren abwägst, sollte eine Reserve stehen. Ein Notgroschen ist Geld auf einem gut erreichbaren Konto, das kaputte Waschmaschinen, Autoreparaturen oder ein paar Monate ohne Einkommen abfedert.

Die in mehreren Ratgebern empfohlene Reihenfolge lautet: erst die Reserve sichern, dann teure Schulden tilgen, danach zwischen weiterer Tilgung und Investieren abwägen. Der Grund ist simpel. Wer alles in die Tilgung steckt und dann eine unerwartete Rechnung nicht bezahlen kann, landet womöglich wieder beim teuren Dispo und hat sich damit selbst ein Bein gestellt.

Liquidität ist ein eigener Wert

Das führt zum nächsten Punkt, der oft untergeht. Wer investiert statt tilgt, behält sein Geld grundsätzlich verfügbarer. In Ratgebern zum Thema wird genau das als Argument gegen die maximale Sondertilgung genannt: Kapital, das im Kredit gebunden ist, holst du im Notfall nicht so leicht wieder heraus.

Ein Depot kannst du im Zweifel verkaufen, auch wenn du dann eventuell zu einem ungünstigen Kurs raus musst. Getilgte Kreditsumme dagegen ist weg, sie steht dir nicht mehr zur Verfügung. Für Menschen mit schwankendem Einkommen oder ohne großes Polster wiegt dieser Punkt schwer.

Die Psychologie sitzt mit am Tisch

Zahlen sind das eine. Das Gefühl ist das andere, und es ist nicht weniger real. Viele Ratgeber betonen, dass das subjektive Sicherheitsgefühl mitentscheidet. Wer schuldenfrei sein will oder seine Schulden als Last empfindet, die nachts wachhält, bevorzugt oft die Tilgung, selbst dann, wenn Investieren rechnerisch gleichauf oder minimal besser läge.

Das ist keine Schwäche, sondern eine legitime Präferenz. Ein ruhiger Schlaf hat einen Wert, den keine Renditetabelle abbildet. Wenn du weißt, dass dich ein offener Kredit dauerhaft belastet, darf diese Erkenntnis in die Entscheidung einfließen.

Sonderfall Inflation

Höhere Inflation senkt die reale Last deiner Schulden, weil du sie mit Geld zurückzahlst, das an Kaufkraft verloren hat. Das ist ein Argument, das gern für „locker weiterlaufen lassen“ ins Feld geführt wird.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Die Inflation macht nicht automatisch jede Restschuld attraktiv. Entscheidend bleibt die Frage, ob deine reale, nach Steuern bereinigte Anlagerendite die Kreditkosten schlägt. Inflation wirkt auf beide Seiten der Rechnung, nicht nur auf die Schuld.

Immobilienkredite: eigene Baustelle

Bei Hypotheken wird häufig eine Mischstrategie empfohlen: einen Teil zusätzlich tilgen, den Rest investieren. Hier hängt die optimale Lösung besonders stark an der Zinsbindung, also daran, wie lange dein Zinssatz festgeschrieben ist, an deiner steuerlichen Situation und an deiner Risikobereitschaft.

Ein langfristig festgeschriebener, niedriger Immobilienzins gibt dir Planungssicherheit und lässt Raum für parallele Anlage. Läuft die Zinsbindung dagegen bald aus und stehen höhere Anschlusszinsen im Raum, kann zusätzliche Tilgung die spätere Belastung spürbar dämpfen. Pauschal lässt sich das nicht beantworten.

Die Grundlogik ist übrigens international ähnlich. Auch außerhalb Deutschlands drehen sich die Überlegungen um dieselben Größen: Schuldenzinsen, erwartete Rendite, Risiko, Liquidität und Steuern. Die konkreten Steuer- und Kreditdetails unterscheiden sich allerdings von Land zu Land, deshalb helfen ausländische Faustregeln nur bis zu einem gewissen Punkt.

So gehst du praktisch vor

Setz dich hin und rechne die zwei Zahlen sauber aus. Auf der einen Seite die gesparten Kreditzinsen durch Tilgung, abzüglich einer möglichen Vorfälligkeitsentschädigung. Auf der anderen die erwartete Nettorendite deiner Anlage nach Steuern und Kosten. Finanziell spricht vieles für die Option mit dem höheren bereinigten Wert.

Danach kommt der ehrliche Teil, der sich nicht rechnen lässt: Wie lange ist dein Anlagehorizont wirklich, also wie viele Jahre kannst du das Geld liegen lassen? Wie sicher ist dein Einkommen? Und wie fühlt sich der offene Kredit für dich an? Erst aus beidem zusammen wird eine Entscheidung, die zu dir passt und nicht nur zu einer Tabelle.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Empfehlung zur Aufnahme, Tilgung oder Anlage von Geldern dar.

Quellen & Transparenz