Zwischen Mai 1993 und Juni 2018 galt der US-Aktienmarkt in 290 von 300 Monaten als überbewertet. Wer sich in dieser Zeit stur an eine einzige Kennzahl gehalten und deshalb nicht investiert hätte, wäre über ein Vierteljahrhundert draußen geblieben – und hätte eine der stärksten Aktien-Phasen der Geschichte verpasst. Genau hier beginnt das Dilemma mit Bewertungskennzahlen: Sie sagen etwas Wahres, aber nicht das, was viele in sie hineinlesen.
Was KGV und CAPE überhaupt messen
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist die bekannteste Zahl der Aktienwelt. Du teilst den Aktienkurs durch den Gewinn je Aktie. Das Ergebnis sagt dir, wie viele Euro du für einen einzigen Euro Unternehmensgewinn bezahlst. Bei einem KGV von 20 legst du also 20 Euro auf den Tisch, um jährlich einen Euro Gewinnanteil zu bekommen. Je höher die Zahl, desto teurer ist die Aktie im Verhältnis zu dem, was das Unternehmen gerade verdient. Man kann die vergangenen zwölf Monate zugrunde legen oder die erwarteten Gewinne der Zukunft.
Das Problem am klassischen KGV: Gewinne schwanken mit der Konjunktur. In einer Rezession brechen sie ein, das KGV schießt optisch nach oben und lässt eine Aktie teuer erscheinen, obwohl sie es vielleicht gar nicht ist. Genau das wollte der Ökonom Robert Shiller glätten.
Sein Shiller-KGV, auch CAPE genannt (englisch für zyklisch bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis), teilt den Kurs eines ganzen Index durch den inflationsbereinigten Durchschnitt der Gewinne der letzten zehn Jahre. Der Trick: Zehn Jahre umfassen üblicherweise gute und schlechte Zeiten. Dadurch verschwindet das Auf und Ab einzelner Konjunkturphasen, und übrig bleibt eine strukturelle Bewertung. Es ist, als würdest du bei einem Sportler nicht das Ergebnis eines einzelnen Wettkampftags anschauen, sondern seinen Schnitt über zehn Saisons.
Was gilt eigentlich als „teuer“?
Für den deutschen Aktienmarkt galten laut Wikipedia in den 1970er und 1980er Jahren KGVs um 8 als billig und um 15 als teuer. Seit den 1990er Jahren bewegt sich das durchschnittliche Markt-KGV in Deutschland eher zwischen 12 und 25. Das historische Durchschnitts-KGV des DAX, damals noch mit 30 Werten, liegt bei 14,6. Am Ende der Finanzkrise 2008 rutschte es deutlich unter 10.
Beim CAPE lohnt der Blick über den Atlantik, weil dort die längsten Datenreihen existieren. Der langfristige Durchschnitt für den S&P 500, den breiten Index der 500 größten US-Börsenunternehmen, liegt seit 1881 bei rund 17,5. Betrachtet man nur die letzten dreißig Jahre, steigt der Schnitt auf etwa 28. Werte zwischen 25 und 30 werden häufig als teuer eingeordnet, alles deutlich über 30 gilt vielen als massive Überbewertung.
Die historischen Extrempunkte sind ernüchternd: Vor dem Crash 1929 stand das CAPE bei rund 33. In der Dotcom-Blase 2000 erreichte es einen Rekordwert um 44. Und am 1. November 2024 lag das CAPE des S&P 500 laut einer Auswertung von top-leader.at bei 38 – mehr als doppelt so hoch wie der langfristige Durchschnitt und gut ein Drittel über dem Schnitt der letzten drei Jahrzehnte.
Der Kern: Hoher Einstieg, niedrigere Rendite
Jetzt kommt der Teil, den Langzeitanleger nicht ignorieren sollten. Das CAPE wurde ausdrücklich dafür entwickelt, wahrscheinliche zukünftige Renditen über Zeiträume von zehn bis zwanzig Jahren einzuschätzen. Und die empirische Botschaft ist konsistent: Je höher die Bewertung beim Einstieg, desto niedriger fällt tendenziell die spätere Rendite über die folgenden zehn Jahre aus.
Eine in einem Auswertungsartikel zitierte Studie der Deutschen Bank kommt sogar zum Schluss, dass die Bewertung beim Einstieg der stärkste einzelne Einflussfaktor auf die langfristige Rendite ist – stärker als jeder Versuch, den Markt auf Basis kurzfristiger Signale zu timen.
Das klingt zunächst wie ein klares Verkaufssignal bei hohen Ständen. Ist es aber nicht. Und der Grund dafür ist entscheidend.
Warum du die Kennzahl trotzdem nicht überschätzen darfst
Bewertungen sagen etwas über die kommende Dekade, aber quasi nichts über die kommenden Monate. Analysen zu CAPE-Varianten betonen ausdrücklich, dass Bewertungen kein Katalysator für eine Rückkehr zum Mittelwert sind und ein schlechtes Instrument für Markt-Timing darstellen. Übersetzt: Ein hohes CAPE erklärt dir, warum die nächsten zehn Jahre magerer ausfallen könnten. Es sagt dir nicht, ob der Rückschlag nächste Woche, nächstes Jahr oder erst in acht Jahren kommt.
Dazu kommen handfeste methodische Schwächen. Das klassische KGV ignoriert Wachstumsraten komplett, ist bei negativen Gewinnen praktisch nutzlos und hängt von Bilanzierungsregeln ab, die Gewinne verzerren können. Ein absoluter KGV-Wert allein sagt kaum etwas über das Kurspotenzial, weil Branchen und Länder völlig unterschiedliche Niveaus haben. Ein Software-Unternehmen und ein Stahlkonzern lassen sich über das nackte KGV nicht sinnvoll vergleichen.
Auch das CAPE hat eine Schwachstelle: Es blickt zehn Jahre zurück. Strukturelle Veränderungen wie Technologiesprünge, veränderte Gewinnmargen oder Steuerreformen können dazu führen, dass der historische Vergleich hinkt. Wenn Unternehmen heute dauerhaft profitabler wirtschaften als vor vierzig Jahren, ist ein höheres Bewertungsniveau womöglich gerechtfertigt und nicht per se eine Blase.
Und dann ist da die eingangs erwähnte Zahl: 290 von 300 Monaten überbewertet. Hohe Bewertungen können über Jahre, sogar Jahrzehnte bestehen bleiben. Wer allein auf das Shiller-KGV vertraute, hätte einen Großteil seines Anlegerlebens am Seitenrand verbracht.
Was heißt das für dich als Langzeitanleger?
Das Fazit ist weder „ignorieren“ noch „darauf handeln“. Es liegt dazwischen.
Für eine bewusste Nutzung spricht, dass extreme Bewertungen deine Renditeerwartung realistisch justieren. Wer bei einem CAPE um 38 einsteigt, sollte für die nächste Dekade eher mit magereren Ergebnissen rechnen als jemand, der bei einem CAPE von 15 investiert hat. Das ist kein Grund zur Panik, eher eine Frage der Erwartungshaltung und der Planung.
Gegen aktives Handeln auf Basis dieser Zahlen spricht die schlechte Timing-Qualität. Wer bei hohen Ständen komplett aussteigt, wettet gegen einen Markt, der jahrelang teuer bleiben kann und riskiert, die besten Tage zu verpassen. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr, nicht im Investiertsein selbst.
Sinnvoller ist der Einsatz zur Risikosteuerung. Bei extrem hohen Bewertungen kannst du auf breite Streuung achten, statt in ohnehin teure Einzelmärkte zu drängen. Regelmäßiges Investieren über Sparpläne glättet den Einstieg über verschiedene Bewertungsniveaus hinweg. Und eine ehrliche Renditeannahme schützt dich davor, deine Lebensplanung auf Zahlen zu bauen, die historisch nur in günstigen Startphasen erreichbar waren.
Ein ehrliches Rechenbeispiel
Was „niedrigere Renditeerwartung“ konkret in Euro bedeutet, zeigt ein einfaches Beispiel – wohlgemerkt reine Mathematik, keine Prognose. Du legst 250 Euro im Monat zurück. Läuft es über zehn Jahre mit durchschnittlich 6 Prozent pro Jahr, stehen am Ende rund 41.000 Euro im Depot, bei eingezahlten 30.000 Euro. Fällt die Dekade mager aus und es werden nur 3 Prozent, sind es rund 35.000 Euro. Über zwanzig Jahre öffnet sich die Schere deutlich weiter: rund 115.000 Euro gegenüber rund 82.000 Euro, bei 60.000 Euro Einzahlung.
Genau dafür ist der Blick auf die Bewertung gut: nicht um den Sparplan zu stoppen, sondern um die eigene Planung ehrlich zu machen. Wer bei hohen Bewertungen mit der mageren Variante kalkuliert und seine Ziele trotzdem erreicht, kann gelassen weitermachen. Wer seine Pläne nur mit der optimistischen Variante schafft, weiß jetzt, wo sich ansetzen lohnt: bei der Sparrate oder bei den Erwartungen, nicht beim Timing. Und falls du dich fragst, warum hier nicht mit den 8 Prozent aus den Hochglanz-Rechnern kalkuliert wird: Genau das ist der Punkt. Nach einem Einstieg auf hohem Bewertungsniveau ist die vorsichtige Annahme die realistischere.
Es bleibt ein Werkzeug, kein Orakel. Ein Thermometer verrät dir die Temperatur, aber nicht, wann genau das Fieber steigt oder fällt.
Wo du die Kennzahlen kostenlos findest
Zum Schluss noch das Praktische. Für einzelne Aktien zeigen die üblichen Finanzportale und die meisten Broker das KGV direkt auf der Übersichtsseite des Wertpapiers an. Das aktuelle CAPE des S&P 500 findest du zum Beispiel auf multpl.com grafisch aufbereitet; dort siehst du auf einen Blick, wie der aktuelle Wert im historischen Vergleich liegt. Und wer es ganz genau mag, geht an die Quelle: Robert Shiller stellt seine komplette Datenreihe seit 1871 kostenlos auf seiner Yale-Universitätsseite bereit – dieselben Zahlen, mit denen auch die Profis rechnen. Ein Abo brauchst du für nichts davon.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Wertpapiere dar.
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- Cape-KGV | Glossar | Descartes — descartes.swiss
- Kurs-Gewinn-Verhältnis – Wikipedia — de.wikipedia.org
- Zyklisch bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis — deutsch.wikibrief.org
- CAPE-5: Das Bessere Shiller-KGV? — intalcon.com
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